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Eine ganz gepflegte Konversation

Cosmopolitan 4/84

Wer wirklich gebildet sein will, streut auch mal ein Fremdwort ein. Und kann dabei Pech haben. Renate Finkeldey hat zwei Pechvögel belauscht.

Marion und Bernhard treffen einander nach langer Zeit wieder. Die Freude ist groß, zumal beide sich an die ausgezeichneten, tiefgründigen Gespräche erinnern, die sie früher miteinander geführt haben. Viele Jahre sind seither ins Land gegangen. Und entsprechend viel gibt es jetzt zu erzählen - auf dem gewohnt hohen Niveau, versteht sich.

Bernhard:

Wir sollten nicht hier auf der Straße herumstehen, sondern unsere Konservation bei einem guten Menuett fortsetzen. Was hältst du davon?

Marion:

Das wäre ein großes Plissee für mich. Aber glaubst du nicht, daß die Tanzmusik stören würde? Wie wär's, wenn wir einfach essen gehen würden?

Bernhard:

Das meine ich doch - ein Menuett mit fünf Gängen in einem Niveau- Cousine-Restaurant.

Marion:

Hat deine Cousine jetzt einen Astronomie-Betrieb?

Bernhard:

Wieso meine Cousine? Also, gehen wir.

Sie gehen in ein Nouvelle-Cousine-Restaurant und lassen sich zu einem Zweiertisch führen.

Bernhard:

Möchtest du dich auf diesem Stuhl präsentieren, Marion?

Marion:

O ja, von hier aus habe ich eine wunderbare Akustik über das ganze Lokal.

Bernhard:

Vor dem Essen sollten wir ein Aperitivum zu uns nehmen. Ich empfehle einen Sherry Sakko.

Marion:

Einen was?

Bernhard:

Einen trockenen Sherry. Und was möchtest du essen?

Marion:

Am liebsten wäre mir ein Steak, so richtig welcome gebraten.

Bernhard:

Ich mag es ja lieber medium.

Marion:

Ein Steak als Medium, das ist interessant. Aber glaubst du, daß bei Spirituosen-Sitzungen überhaupt etwas herauskommt?

Bernhard:

Ich weiß zwar nicht, wie du auf diese Thermik kommst, Aber ich jedenfalls halte gar nichts von Geisterbeschwörungen und diesem ganzen Ökonomismus.

Marion:

Mich interessiert das schon. Ich habe gerade etwas über das Debakel von Delphi gelesen. Der Hysteriker, der das geschrieben hat, war wirklich ein Exporteur auf diesem Gebiet.

Bernhard:

Kann ja sein. Aber oft infizieren sich diese Leute ja selbst nicht mit dem Zeug, das sie da schreiben.

Marion:

Der schon. Obwohl ich natürlich auch finde, daß so etwas immer ein Ministerium bleiben wird.

Bernhard:

Du meinmst bestimmt ein My... äh, Müh... äh, na ja, ich weiß schon, was du meinst.

Marion:

Jedenfalls ist es Glaubenssache. Genauso wie die Religion. Es kann ja auch keiner beweisen, ob damals wirklich die drei Waisenkinder mit Weihrauch und Möhren zum Jesuskind gekommen sind, als es in der Grippe lag.

Bernhard:

Lassen wir das doch. Ich halte mich lieber an die Wirklichkeit, ich bin ein knallharter Relativist.

Marion:

In deinem Shop mußt du das ja auch. Du hast doch inzwischen bestimmt unheimlich resümiert.

Bernhard:

Reüssiert heißt das, Marion! Natürlich habe ich das, ich bin schließlich ein Profi. Aber man sagt ja ganz zu Recht: Der Profi gilt nichts im eigenen Land.

Marion:

Heißt das nicht: Profit gilt nichts im eigenen Land?

Bernhard:

Ist ja auch egal. Ob Profis oder Armaturen - was zählt, sind sowieso nur gute Beziehungen. Ohne die hätte ich wahrscheinlich auch nicht in die Sozietät einsteigen können.

Marion:

Ach, du bist ein richtiger Sozialist? Das wollte mein Bruder ja auch. Aber dann hat er sich für den Staatsdienst entschieden. Und jetzt ist er immerhin schon Studienacessoire.

Bernhard:

Das hat er richtig gemacht. Im gymnastischen Zweig gibt's sichere Aufstiegsschanzen. Und was macht dein anderer Bruder?

Marion:

Der ist Pornithologe geworden.

Bernhard:

Ja, ich erinnere mich, er hat schon immer viel von Vögeln verstanden.

Marion:

Kein leichter Beruf bei den klimakterischen Bedingungen in unseren heimischen Religionen.

Bernhard:

So einen Beruf könnte ich nie ausübern, ich bin nämlich algerisch gegen Federn.

Marion:

Und dagegen kann man gar nichts tun?

Bernhard:

Nein, da kann ich nur profilakonisch handeln und mich von allen Federn fernhalten.

Marion:

Ich schreibe dir mal die Adresse von einem guten Terminologen auf. Der ist wirklich eine Konifere für alles, was mit Allergien zu tun hat, ein anerkannter Alligator.

Bernhard:

Danke, das ist lieb von dir. Den werde ich dann bald mal konfrontieren.

Marion:

Wichtig ist natürlich, daß er erst einmal eine genaue Analyse macht. Aber als Analphabet ist er auch sehr gut.

Bernhard:

Kann ja sein, daß diese ganze Sache mit der Analphrase zu tun hat.

Marion:

Die Ursache zu finden ist wirklich eine Syphilisarbeit. Aber der gibt sich die Mühe, der ist ganz genital auf diesem Gebiet.

Bernhard:

Jetzt wollen wir aber meine dumme Krankheit nicht so hochsterilisieren. Irgendwie findet man immer eine Synthetik, mit so einem Leiden zu leben. Laß uns von was Schönerem reden.

Marion:

Da gehe ich ganz mit dir kondom. Hättest du Lust, mich morgen abend ins Konzert zu begleiten? Die Berliner Physiker spielen.

Bernhard:

Gern. Und was spielen sie?

Marion:

Mozart! Mozart ist doch mein Lieblingskommunist.

Bernhard:

Ich schätze seine Musik auch sehr, sie hat so leichte Alimente in sich. Das geht ins Ohr, ein echter oraler Genuß. Nach dem Konzert gehen wir dann irgendwohin, wo wir uns amüsieren können.

Marion:

Gern, ich kenne ein nettes Amü... äh, Ami... äh, Animierlokal ganz in der Nähe des Konzertsaals.

Bernhard:

So, jetzt wollen wir erst einmal etwas zu essen ordinieren. Hast du dein Menuett kontempliert?

Marion:

Ich nehme ein Kondom Bleu.

Bernhard:

O ja, etwas Pariserisches, das ist eine kulminarische Delikatesse. Und danach, als Dissens?

Marion:

Ich weiß noch nicht, die vielen fremden Vokale irisieren mich etwas.

Bernhard:

Mich auch. Die könnten hier wirklich die deutsche Sprache benutzen. Bei den gastronomischen Preisen!

Marion:

Natürlich. Es gibt bestimmt viele Gäste mit nicht so hohem Bildungs- Nivellement. Die verstehen das dann gar nicht.

Bernhard:

Aber das sind gerade die, die ständig Fremdworte in ihre Sprache intrigieren. Weil sie damit importieren wollen.

Marion:

Ja, und der Affekt, den sie erzielen, ist diagonal entgegengesetzt.

 


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Thomas Bätzler, Thomas@Baetzler.de
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